Lasst mich in Ruh 

Ich kann es wirklich nicht mehr hörn
Hört endlich auf zu diskutieren
Über mein Leben über mich,
Darüber was ich abends koch.
Und welche Fragen ich mir stell
Mein Alltag, mein Lebensmodell
Bin Stoff für das Partygespräch
Und jeder fragt sich, was ich möcht

Ihr streitet euch im Bundestag
Ob ich vielleicht noch Kinder mag.
Und auch der Leitartikel spricht
Im Wesentlichen über mich
Ob es mich überfordert Auto-
nom und attraktiv zu sein
Wann steig ich aus meinem Beruf aus
Und wann steig ich wieder ein

Ich werd gemustert, beratschlagt
Beurteilt kurzum
Bevormundet, gegängelt
Und man hält mich wohl für dumm

Lasst mich doch endlich mal in Ruh
Euch kann egal sein, was ich tu
Ich sähe höchst emanzipiert aus
Wäre ich nicht Eure Labormaus
Denn wenn ich in den Spiegel schau
Dann seh ich nichts als eine Frau

Und ihr durchforstet wirklich alles
Tut als wär ich eine Rasse
Interessiert euch ob ich bügle
Oder ob ich bügeln lasse
Wann und warum ich Kinder habe
Und wie lang ich sie gestillt
Oder warum habe ich keine
Und hab ich `s auch so gewollt

Und was im Fall meiner Berufs-
Tätigkeit wohl günstiger ist
Ob ich die Quote wirklich brauche
Oder ist das alles Mist
Ob mir mein Mann den Rücken freihält
Oder doch lieber ich ihm
Ob ich bei allen diesen Fragen
Nicht doch lieber Single bin

Ich werd gemustert, beratschlagt
Beurteilt kurzum
Bevormundet, gegängelt
Und man hält mich wohl für dumm

Lasst mich doch endlich mal in Ruh
Euch kann egal sein was ich tu
Ich sähe höchst emanzipiert aus
Wäre ich nicht Eure Labormaus
Denn wenn ich in den Spiegel schau
Dann seh ich nichts als eine Frau

Lasst mich in Ruh

Text: Georg Clementi nach Lasst mich in Ruhe von Ursula März, DIE ZEIT Nr. 22 vom 26.5.2011
Musik: Tom Reif / Georg Clementi

Tom Reif: Stahlsaiten-Gitarren, Irish Bouzouki, Fretless Bass, Kazoo

Sigrid Gerlach-Waltenberger: Akkordeon

Robert Kainar: Bongos, Basstrommelkiste, Crash-Becken, Hotelrezeptionsklingel

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