Lied eines ungeborenen Mädchens

 
Ich glaub ich bin ein Mädchen
Komm hier nicht lebend raus
Ich hab noch nichts gesehen
Schon gehen die Lichter aus

Die Welt da draußen pulst
Das Leben klingt so schön
Fast alle werden satt
Drum kann ich s nicht verstehn
Denn auch schon bei den Ärmsten
Kann man die Hoffnung spürn
Und trotzdem sagt mein Vater
Ich würd beim Aufstieg stören
Mein Land China und Indien
Ich werd es niemals sehn
Ich habe keinen Bruder
Das ist wohl das Problem
Und gäb es den Stammhalter
Dann blieben sie zu dritt
Ich glaub ich bin ein Mädchen
Ich glaub ich darf nicht mit

Ich glaub ich bin ein Mädchen
Komm hier nicht lebend raus
Ich hab noch nichts gesehen
Schon gehen die Lichter aus

Als meine Mutter sagte
Es wär ihr gutes Recht
Dass keiner bis ich da bin
Verrate mein Geschlecht
Gab man ihr Gift ins Essen
Ich glaub es war Papa
Dann mussten wir zum Frauenarzt
Der keinen Jungen sah
Wir stürzten über Treppen
Auch da half Papa nach
Ich hör das Knacken noch
Wie ihre Rippe brach
Nun sind wir auf der Flucht
Wie tausende zuvor
Mit Tränen wenn die Mama merkt
Dass sie mich heut verlor

Ich glaube es ganz fest
Sie hätte mich gemocht
Sonst hätt das kleine Herz
Ja ganz umsonst gepocht

Ich glaub nun steht es still
Komm hier nicht lebend raus
Ich hab noch nichts gesehen
Schon gehen die Lichter aus                                                      

Lied eines ungeborenen Mädchens

Text: Georg Clementi nach Der mörderische Makel Frau von Georg Blume, DIE ZEIT Nr. 12 vom 15. Märzr 2012
Musik: Sigrid Gerlach-Waltenberger / Georg Clementi

Tom Reif: Stahlsaiten-Gitarren, E-Bow Banjo, Fretless Bass, Shaker

Sigrid Gerlach-Waltenberger: Akkordeon

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